Integration ist unglaublich wichtig
| Dieses Interview ist ein Erfahrungsbericht aus dem Kanton Zug. Weil Namen davon ablenken würden, dass der Bericht uns alle angeht, erscheint er – auch auf Wunsch der interviewten Personen – in anonymer Form. Auf diese Weise können sich alle ganz auf den Inhalt einlassen. Ich wünsche dem sehr persönlichen Interview viele Leserinnen und Leser. Die Fragen stellte Lukas Fürrer. |
Hinführung
Vor bald 10 Jahren ist mein Sohn mit einem IS-Status in den Kindergarten der Regelschule eingetreten. Den IS-Status hat er auf Grund einer leichten Lähmung im linken Arm. Diese Lähmung ist auf eine Blutung im Gehirn zurückzuführen. Durch diese Verletzung hat er ebenfalls eine Einschränkung im räumlichen Vorstellungsvermögen (räumliche Orientierung, 3-D-Sehen etc.). Mit seiner Behinderung war es nie ein Thema ihn nicht zu integrieren.
In diesem Text geht es um unsere persönlichen Erfahrungen, welche, wie wir schnell merken mussten, mit den Lehrpersonen und den Schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen (SHP) steht und fällt. Eine erfolgreiche Integration kann in meinen Augen nur gelingen, wenn die Kommunikation funktioniert und sich alle Beteiligten auf das Kind einlassen können.
Wie erleben Sie die Beschulung Ihres Kindes in der Regelschule?
Wichtig vorneweg, mein Sohn hatte lange eine unbeschwerte Zeit in der Regelschule. Obwohl er immer mal wieder zurechtgewiesen wurde, schöner zu schreiben oder schöner zu malen, obwohl er dies auf Grund seiner Behinderung nicht konnte, ging er immer gern zur Schule. Schwierig wurde es erst in den Übertrittsjahren, als von ihm Dinge verlangt wurden, welche er nach 4 Jahren Primarschule einfach immer noch nicht konnte. Oder wenn wir feststellten, dass die Kommunikation zwischen LP und SHP nicht zu funktionieren schien. Ganz zu schweigen von der Kommunikation zwischen SHP/LP und Assistenz.
Ich als Mutter habe die Zeit viel schwieriger empfunden. Immer wieder musste ich mich dafür einsetzen, dass er das erhält, was ihm zusteht; mehr Zeit bei Prüfungen, Vergrössern von Bildern etc.
In der Oberstufe angekommen, waren viele unserer Schwierigkeiten verflogen. Endlich eine SHP, welche sich individuell Zeit nimmt, welche sich mit den Therapeuten austauscht, welche sich dann meldet, wenn es wirklich ein Problem gibt und welche mit Lehrpersonen diskutiert, wenn seine Nachtteilsausgleichsmassnahme (NAM) nicht richtig umgesetzt wird. Ich bin enorm entlastet.
Wie geht es Ihrem Kind emotional und sozial im Schulalltag?
Vom Kindergarten bis zur 6. Klasse war er gut eingebettet in der Klasse. Alle kannten ihn und wussten über seine Stärken und Schwächen Bescheid. Mit dem Übertritt in die Oberstufe veränderte sich zum ersten Mal das sichere Umfeld. Die LP/SHP unterstützten ihn von Anfang an dabei. Klärten im Klassenverband auf, haben ein wachsames Auge auf mögliche Anfeindungen und regelmässigen Austausch mit ihm und uns. Diese Unterstützung schätzen wir alle sehr und trotz Pubertät und Zweifel an sich selber, ist er auf einem guten Weg.
In welchen Unterrichts- oder Schulsituationen fühlt sich Ihr Sohn besonders wohl oder sicher?
In allen geführten Fächer, wo er nicht auffällt mit seiner Behinderung. Technisches und textiles Gestalten (TTG) und Turnunterricht mit einer Assistenz waren immer mal wieder schwierig. Die Pause, wenn alle am Fussballspielen sind, ist ebenfalls nicht immer einfach.
Welche Herausforderungen oder Belastungen erleben Sie für Ihr Kind oder für sich als Familie im Zusammenhang mit der Schule?
Die grösste Belastung ist das immer wieder Einstehen müssen für meinen Sohn, dass die Nachteilsausgleichmassnahme (NAM) und sonstigen Massnahmen umgesetzt werden. Durch die enorme Vielfältigkeit an Schülern im Schulzimmer muss es eine grosse Herausforderung für Lehrpersonen sein, allen gerecht zu werden. Trotzdem finde ich es unglaublich wichtig, an der Integration festzuhalten, gerade in der Primarstufe. Vielleicht bräuchte es hier neue Ideen und Lösungen im Schulzimmer.
Wie erlebt Ihr Kind die Beziehungen zu Mitschülerinnen und Mitschülern?
Bis zur Oberstufe lief alles wunderbar. In der Oberstufe ist der Umgang unter Jungs sehr rau und körperlich. Da kann mein Sohn nicht mithalten. Die Coolness steht leider vielen Schülern im Weg, um einen rücksichtsvolleren Umgang miteinander zu pflegen. So kann es schon mal sein, dass er blöd hinfällt, wenn ein Gerangel stattfindet. Er ist jedoch gut integriert und wird respektiert
Welche Unterstützungs- oder Fördermassnahmen haben sich aus Ihrer Sicht besonders bewährt?
Seit der Oberstufe hat er eine Förderstunde mit der SHP alleine. Sie besprechen gemeinsam den Geometrie-Schulstoff, da mein Sohn da auf Grund seiner Behinderung Unterstützung braucht. In diesem Gefäss haben aber auch andere Dinge Platz. Die SHP holt dabei auch immer sein Befinden ab, was ich sehr schätze.
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit und Kommunikation mit den Lehrpersonen und weiteren Fachpersonen?
In diesem Bereich habe ich grosse Defizite erlebt. Während es so wichtig gewesen wäre, dass die Assistenz von der SHP richtig instruiert worden wäre, wurde sie einfach alleine gelassen. Auch Austausche mit Physiotherapeutin oder Ergotherapeutin haben kaum oder gar nicht stattgefunden. Dabei hätten diese Fachpersonen mit ihrem Fachwissen unterstützen können.
Gibt es Situationen, in denen Sie das Gefühl haben, dass die Regelschule an Grenzen stösst?
Es scheint, als ob sich Fachpersonen aus der Schule viel zu wenig mit Körperbehinderungen auskennen. Was nicht tragisch ist. Schwierig wird es erst dann, wenn kein Austausch zwischen Schule und Elternhaus stattfindet.
Während in der Schule die Lehrpersonen, SHP etc. die Profis sind, kommt hier in meinen Augen eine Erschwernis dazu. Eltern von Kindern mit einer Behinderung müssen sich schon sehr früh Wissen aneignen über die Behinderung, Hilfsmittel, Strategien fürs und mit dem Kind entwickeln etc. Sie sind schon viele Jahre vor dem Schuleintritt im Austausch mit Therapeuten, Ärztinnen etc. und sind gerüstet. Gerüstet auch dafür, für ihr Kind zu kämpfen, da sie das sicher schon mehrere Male vorher machen mussten. Sei es bei Behörden oder Ärtzen. Man könnte enorm voneinander profitieren, wenn der Austausch auf Augenhöhe stattfinden könnte.
Wenn Sie an die kommenden Schuljahre denken: Was macht Ihnen Hoffnung, und wo sehen Sie mögliche Sorgen oder Risiken?
Mit dem Übertritt in die Berufswelt kommen neue und andere Hürden auf uns ZU. In unserer Gesellschaft gibt es immer noch zu viele Hürden für eine Teilhabe aller, was ich sehr bedauerlich finde. Mit all unseren Erfahrungen würde ich immer wieder den Weg der Integration wählen. Ich finde es unglaublich wichtig, dass die Möglichkeit der Integration bei Kindern mit einer Behinderung bleibt.