Mehr als freie Tage: Die Kunst der Zwischenzeit
Unterrichtsfrei ist nicht arbeitsfrei. Auch nicht in den Sommerferien. Das wissen alle Lehrerinnen und Lehrer. Aber die Sommerferien ermöglichen Erholung durch ein anderes Zeitgefühl.
Von Johannes Breitschaft*
Endlich Sommerferien. Zunächst mal keine Pausenglocke, keine Stundenpläne, keine Sitzungen, keine Mails mit dem Vermerk «dringend». Viele Lehrpersonen sehnen diesen Moment herbei. Und doch passiert oft etwas Merkwürdiges: Nach den ersten Tagen stellt sich nicht sofort Erholung ein, sondern zunächst Müdigkeit oder Unruhe. Der gewohnte Takt fehlt. Die Tage wirken plötzlich weit und offen. Vielleicht zeigt sich darin etwas Grundsätzliches über unser Verhältnis zur Zeit.
Der Philosoph und Psychiater Thomas Fuchs unterscheidet zwischen der gemessenen Zeit der Uhr und der gelebten Zeit des Menschen. Die Uhrzeit fliesst gleichmässig dahin. Die Lebenszeit hingegen hat Rhythmen, Verdichtungen und Dehnungen. Eine Stunde Unterricht vergeht anders als eine Stunde im Liegestuhl. Ein intensives Schuljahr fühlt sich anders an als sechs Wochen Sommerferien.
Der Schulalltag ist geprägt von einer hohen zeitlichen Verdichtung. Lektionen folgen aufeinander, Aufgaben stapeln sich, Termine überlagern sich. Viele Lehrpersonen erleben ihre Arbeit als sinnstiftend – und gleichzeitig als beschleunigt. Die moderne Gesellschaft, so Fuchs, ist von einer Tendenz zur permanenten Steigerung geprägt: schneller kommunizieren, rascher reagieren, mehr Projekte, mehr Optionen. Das Leben gerät in Gefahr, zu einer Abfolge von Erledigungen zu werden.
Gerade deshalb sind Ferien mehr als arbeitsfreie Zeit. Sie sind eine Unterbrechung des gewohnten Tempos. Sie schaffen einen Zwischenraum.
In vielen Kulturen gibt es dafür Rituale. Feste, Feiertage, Sabbatzeiten oder Jahreszeitenübergänge markieren bewusst den Wechsel zwischen verschiedenen Lebensrhythmen. Rituale haben eine oft unterschätzte Funktion: Sie strukturieren die Zeit und geben ihr Bedeutung. Sie erinnern uns daran, dass nicht jede Stunde gleich genutzt werden muss.
Auch die Sommerferien sind ein solches gesellschaftliches Ritual. Jahr für Jahr entsteht eine kollektive Pause. Schulen schliessen ihre Türen, Klassen lösen sich vorübergehend auf, gewohnte Rollen treten in den Hintergrund. Für einige Wochen tritt die berufliche Rolle etwas in den Hintergrund. Die Rolle als Lehrperson bleibt Teil der eigenen Identität, doch andere Rollen und Interessen erhalten wieder mehr Aufmerksamkeit und Raum: Als Reisende, Eltern, Partnerinnen und Partner, Freunde, Leserinnen, Wanderer oder einfach als Menschen, die sich vom Moment treiben lassen können. Diese Erfahrung ist wertvoll.
Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von Resonanz als einer Antwortbeziehung zur Welt. Resonanz entsteht dort, wo wir uns berühren lassen – von Menschen, von Natur, von Kunst oder von einem guten Gespräch. Resonanz lässt sich nicht erzwingen. Sie braucht Zeit. Und sie braucht oft gerade jene Momente, die nicht vollständig verplant sind.
Vielleicht erinnern wir uns deshalb oft an scheinbar unspektakuläre Ferienmomente: an das Frühstück auf einer Terrasse, an ein langes Gespräch, an das Beobachten eines Sonnenuntergangs oder an einen Spaziergang ohne Ziel. Solche Erfahrungen entziehen sich der Logik der Effizienz. Und gerade deshalb werden sie bedeutsam.
Thomas Fuchs beschreibt den Menschen als ein rhythmisches Wesen. Atmung, Herzschlag, Schlaf, Wachheit, Anspannung und Entspannung folgen natürlichen Zyklen. Gesundheit entsteht nicht durch permanente Aktivität, sondern durch das Zusammenspiel von Spannung und Erholung. Leben bedeutet Rhythmus.
Auch Schulen leben von Rhythmen. Unterricht und Pause, Arbeitsphasen und Ferien, Beginn und Abschluss eines Schuljahres. Wird dieser Wechsel gestört, entstehen Erschöpfung und das Gefühl, ständig hinterherzulaufen.
Sommerferien können deshalb als eine Art Rückkehr zum eigenen Zeitmass verstanden werden. Nicht jede Minute muss gefüllt werden. Nicht jede Idee muss sofort umgesetzt werden. Nicht jede Nachricht verlangt eine unmittelbare Antwort.
Vielleicht liegt die eigentliche Qualität der Ferien gerade darin, dass sie uns erlauben, Zeit nicht nur zu nutzen, sondern zu erleben.
Wenn das neue Schuljahr beginnt, werden Stundenpläne, Projekte und Termine rasch wieder ihren Platz finden. Das ist Teil unseres Berufs. Doch vielleicht nehmen wir etwas aus der Zwischenzeit mit: die Erinnerung daran, dass Bildung nicht nur vom Beschleunigen lebt, sondern auch vom Verweilen. Dass Entwicklung Zeit braucht. Dass Lernen Rhythmen folgt.
Und dass manchmal gerade die Wochen, in denen scheinbar nichts Produktives geschieht, jene sind, in denen sich das Wesentliche neu ordnet. In diesem Sinne sind Sommerferien nicht einfach eine Pause vom Schulalltag. Sie sind ein Gegenpol zur Beschleunigung. Ein Ritual des Innehaltens. Eine Einladung, wieder in den eigenen Rhythmus zu finden.
Vielleicht besteht die tiefste Erholung der Sommerferien nicht darin, mehr Zeit zu haben, sondern darin, wieder zu spüren, was Zeit eigentlich ist.
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Die Beratungsstelle für Bildungsfachleute (BBfL) im Kanton Zug bietet Lehrpersonen, Schulleitungen und Mitarbeitenden der schulergänzenden Betreuung die Möglichkeit, sich niederschwellig, anonym und auf eigene Initiative hin coachen zu lassen. Diese Beratungen werden durch die meisten Schulen solidarisch unterstützt und sind über eine Pauschale finanziert. Themen sind v. a. Laufbahnplanung und persönliche Standortbestimmungen, Begleitung in der Intensivweiterbildung (IWB), Selbst- und persönliches Gesundheitsmanagement, Zusammenarbeit, Konflikte, Krisen, Classroom-Management und herausfordernde Schulsituationen, Elternzusammenarbeit, u. a. m. Geleitet wird die Beratungsstelle für Bildungsfachleute durch Johannes Breitschaft, die Beratungen werden durch ein professionelles Team mit vielfältigen Erfahrungen durchgeführt. Kontakt (Link:) Beratungsstelle für Bildungsfachleute |